"Genocidul Sufletelor. Experimentul Piteşti - reeducarea prin tortură." - Film Documentar (Sorin Ilieşiu, Alin Mureşan).
Alexandr Soljenitîn

"Cea mai
cumplită barbarie
a lumii
contemporane"

Alexandr Soljenitîn

„Völkermord an den Seelen“ - Dokumentarfilm enthüllt das grausame Piteşti-Experiment


Von Ana Sălişte

Emil Sebeşan war noch Student, als er im Gefängnis landete. Dass er 1949 im Gefängnis von Piteşti durch monströse Methoden gefoltert wurde, erfuhr seine Frau erst 20 Jahre später. Noch heute, 80 Jahre alt, schließt er für einen kurzen Augenblick die Augen, wenn er sich daran erinnert, wie sie mit verweinten Augen nach Hause kam und ihm vorwarf, er hätte kein Vertrauen in sie gehabt. Vertrauen hatte aber damals keiner der rund 2000 Menschen, die in der Zeitspanne 1949 und 1952 das von der rumänischen Sekuritate durchgeführte „Piteşti-Experiment“ erlebt hatten. Vielleicht deswegen, da für sie das Wort „Vertrauen“ damals seine Bedeutung längst verloren hatte und mit „grausam“ ersetzt wurde. Mehr darüber soll nun der Dokumentarfilm des rumänischen Regisseurs Sorin Ilieşiu, der in diesem Jahr auf die Leinwand kommen wird, nachweisen. 50 Opfer des grausamen Experimentes, darunter auch Emil Sebeşan, erzählen über die grausamen Ereignisse im Gefängnis von Piteşti.

Ziel: die Zerstörung der menschlichen Seele

Hinter den Mauern des Gefängnisses, das strategisch außerhalb der Stadt lag und somit das Schmerzgebrüll der Häftlinge völlig isolierte, stand nur noch eines fest: die „Umerziehung“ durch Folter. Die grausamsten Foltermethoden wurden bei jugendlichen Häftlingen, die verschiedene politische und religiöse Ansichten vertraten und als „Volksfeinde“ bezeichnet wurden, angewandt. Sie wurden gezwungen, ihre Herkunft zu verhöhnen, sich von ihrem Glauben abzuwenden, um dann „als neuer Mensch“ im Namen der Sekuritate weitere Häftlinge zu foltern. Die Tortur dauerte stundenlang, Tag und Nacht, fast ohne Pause.

Man versuchte damit das Brechen jeden Willens des Individuums und die Zerstörung der menschlichen Seele. Das Opfer soll seinen Glauben und seine Gefühle aufgeben, um zu einem „neuen Mensch“ umgeformt zu werden, der dann im Sekuritate-Mechanismus aufgenommen wird und die Doktrin des kommunistischen Regimes ohne weiteres akzeptiert und anwendet. Das Projekt zur „Umerziehung der Jugendlichen im Gefängnis von Piteşti“ wurde vom General Alexandru Nikolski in die Wege geleitet und vom Rechtsabsolventen Eugen Ţurcanu umgesetzt. Die Gefängnisschläger (rumänisch: torţionari) saßen in der selben Zelle mit den Häftlingen, um die „Umerziehung“ Tag und Nacht durchzuführen.

Opfer: „Das Recht zum Sterben gab es damals nicht mehr“

Es gab damals keinen Ausweg, nicht einmal durch den Tod, denn die Häftlinge konnten damals nur schwer Selbstmord begehen – wie der Schriftsteller Virgil Ierunca in seinem Buch „Fenomenul Piteşti“ („Das Piteşti-Phänomen“) erzählt. Als ein junger Student die Folter nicht mehr aushalten konnte und sich vom dritten Stock ins Treppenhaus stürzte, so dass er ums Leben kam, wurden schon am nächsten Tag Netze zwischen den Stockwerken aufgespannt. „In Piteşti habe ich mir den Tod gewünscht, aber auch dieses Recht wurde mir genommen. Das Recht zum Sterben gab es damals nicht mehr“, sagt eines der Opfer aus.

Der Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn, Inhaftierter eines sowjetischen Gulag, nannte „das Experiment Piteşti“ eines „der grausamsten Verbrechen der Gegenwart“.

Diese Operation der „Zerstörung von Vertrauensverhältnissen“ und des moralischen Anschlags wurde 1948 in Suceava angewandt, erreichte im Gefängnis von Piteşti den Höhepunkt an Grausamkeit und wurde dann in abgeschwächter Form in den Gefängnissen Gherla und Târgu-Ocna weitergeführt. Durch eine Untersuchung und einen Prozess in den Jahren 1953-1954 wurde ihr ein Ende gesetzt. Der Beschluß vom 10. November 1954 verurteilte 22 Mitglieder der von Eugen Ţurcanu geführten Kommandos zum Tode (16 Urteile wurden vollstreckt). Die Securitate-Offiziere wurden beim Prozess nicht verurteilt, sondern im Verlauf der Untersuchung nur des „kriminellen Mangels an Aufmerksamkeit und Sorge“ beschuldigt, womit das Experiment „erlaubt wurde“. Die Aussage des Generals Nikolski, in der Fernsehserie „Memorialul durerii“, schockiert: „Ich weiß nicht, ob dort Menschen gestorben sind“, sagte Nikolski mit gelassener Stimme.

40 Personen berichten über das „Experiment“

Zwar wurden zahlreiche Bücher zu diesem Thema geschrieben. In Rumänien liegt aber das Piteşti-Experiment noch weitgehend im Dunkeln. In den Geschichtebüchern ist nur noch eine halbe Seite darüber zu finden. Auch an den Geschichtefakultäten wird nur wenig Wert darauf gelegt, die Ereignisse den Studenten zu erklären. Vom Gebäude des Gefängnisses, das in ein Denkmal umgewandelt wurde, ist nur noch eine Mauer übrig geblieben.

„Alle schweigen, wenn es sich um Piteşti handelt“, schlußfolgert auch Emil Sebeşan. Doch damit soll es nun aus sein. Symbolisch hat Sorin Ilieşiu seinen Film „Völkermord an den Seelen“ benannt. „Sie wollten die menschliche Seele zerstören. Es ist ihnen aber nicht gelungen, denn die Seele ist unsterblich. Wie kann man versuchen, etwas zu töten, das nicht getötet werden kann?“, sagt Sorin Ilieşiu der ADZ gegenüber. Noch rund 100 Personen, die das Experiment miterlebt haben, leben heutzutage. Manche haben sich jedoch auch jetzt geweigert, über die Ereignisse zu sprechen. Bislang wurden die Aussagen von 42 Opfern, heute zwischen 80 und 85 Jahre alt, aufgezeichnet und bearbeitet. 10 Personen sollen noch interviewt werden.

Der Dokumentarfilm basiert sowohl auf Interviews als auch auf Wiederherstellung verschiedener Ereignisse, die die Opfer erlebt haben. Seit einem Jahr arbeitet Ilieşiu an der Dokumentation des Filmes, an dem zurzeit noch gedreht wird. Ausgangspunkt war für ihm das Buch von Virgil Ierunca. Die kühnen Beschreibungen über das Geschehen, in einfachen und prägnanten Satzstrukturen, die grausamen Details, die Ierunca in seinem Buch preisgibt, haben den Regisseur dazu veranlasst, einen Dokumentarfilm zu drehen. Auch das Drehbuch zum Film hat er selbst geschrieben. In seinem Unterfangen wurde Ilieşiu von Ilie Popa, dem Leiter der Stiftung „Memoria“ in Piteşti, und Aristide Ionescu, dem Vizevorsitzenden der Stiftung. Jährlich wird bei der Stiftung „Memoria“ ein Internationales Symposium organisiert, an dem auch die Überlebenden von Piteşti teilnehmen. Das Budget des Filmes liegt bei rund 380.000 Lei. Um aber den Film auch in andere Sprachen zu übersetzen, braucht das Team noch 70.000 Lei. Das Geld versucht Sorin Ilieşiu über verschiedene Sponsoren zu bekommen. „Ich möchte auch noch eine Fernsehserie drehen und ein Buch mit den Aussagen der Opfer veröffentlichen“, sagt Regisseur Sorin Ilieşiu. Weitere Informationen zu diesem Thema können von der Internetseite www.experimentulpitesti.org (oder von der englischen Version der Internetseite www.TheGenocideOfTheSouls.org) abgerufen werden. Interessenten können sich auf der Internetseite auch ein paar Aussagen der Opfer ansehen. „Letzendlich hat nur noch der starke Glauben an Gott sie am Leben gehalten“, schließt Aristide Ionescu.

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Copyright © ALLGEMEINE DEUTSCHE ZEITUNG für Rumänien
Nr.4084, Bukarerst, 24 Februar 2009